
Der in Amsterdam lebende Nachwuchskünstler Tuomas Markunpoika Tolvanen hat einen Schrank mit Metallringen überzogen und dann angezündet. Nur ein fragiles Abbild des Möbelstückes bleibt dabei übrig. Im Interview mit unserem Blog erklärt er, wie er auf diese Idee kam und was sich hinter seiner Serie „Engineering Temporality“ verbirgt.
Was war deine Inspiration zu Engineering Temporality?
Das Thema von „Engineering Temporality“ entstand bei mir aus der Beschäftigung mit der Alzheimer-Erkrankung meiner Großmutter. Sie, einst eine mutige und starke Frau, war nur noch ein schwaches Abbild ihrer Vergangenheit. Als sie anfing, ihre eigenen Erinnerungen zu verlieren, verblasste der Stoff ihres Lebens und sie wurde zu einer bloßen Hülle des Menschseins.

Tuomas Markunpoika Tolvanen
Die Verwendung von Sprache in der westlichen Kultur beinhaltet, dass Erinnerungen häufig als Besitz betrachtet werden: Wir „erhalten“ Erinnerungen am Leben, wie „bewahren“ sie, als wenn sie sich dadurch in Objekte verwandeln würden. Objekte, mit denen wir Erinnerungen verbinden, werden dadurch unersetzlich für uns.
Wir haben die Tendenz bestimmte Objekte, welche eine besondere Bedeutung für uns haben, als besonders fragil und zerbrechlich anzusehen. Auf diese Weise haben wir die Möglichkeit, für sie zu sorgen und sie zu schützen. Diese Objekte sehen wir deshalb als so bedeutsam und wertvoll an, weil wir glauben, damit unsere eigene Vergänglichkeit überwinden zu können.
Der deutsche Philosoph Martin Heidegger hat gesagt, dass die Vergänglichkeit uns Menschen definiert. Er spricht vom Dasein als dem zeitlichen Modus des Seins. Unsere Existenz im Dasein zeigt sich in unserer Fürsorglichkeit. Ich denke das Heideggers Philosophie uns genau das sagen will: Über die Fürsorge für bestimmte Objekte können wir besser erkennen, wer wir wirklich sind.
So wie unser menschliches Leben zerbrechlich, vergänglich und mit Makeln behaftet ist, so soll auch unser Design diese Werte widerspiegeln und in unsere Umgebung bringen. Unsere Auffassung von Schönheit übertragen wir auf Objekte, die wir symbolisch als vergleichbar mit uns sehen.

Wie hast du den„verbrannten Schrank“ technisch hergestellt? War es nicht gefährlich, den Schrank anzuzünden und zu verbrennen?
Das Material, welches ich für mein Objekt verwendet habe, ist überaus gängig bei der Herstellung von Möbeln: Stahlrohr. Ein massenhaft hergestelltes, anonymes Produkt. Perfekt in Größe und Form, aber das komplette Gegenteil von uns Menschen. Ich habe das Material angepasst, indem ich es in kleine Ringe geschnitten habe. Jeder einzelne Ring wurde so unregelmäßig und unvollkommen.
Die Ringe habe ich rund um den Holzschrank aneinander geschweißt, um so die physische Erinnerung an das Objekt festzuhalten. Als der Schrank von einer halbdurchlässigen Schicht an Ringen bedeckt war, habe ich ihn angezündet. Nur das Außenskelett des Schrankes blieb dabei stehen. Die Türen und Gelenke des Schrankes habe ich dann nachträglich angebracht.
Ich würde nicht sagen, dass das Verbrennen des Schrankes gefährlich war. Es war eher aufregend und erschreckend. Ich wusste ja nicht, was hinter der Ascheschicht übrig bleiben würde und ob meine Technik funktionieren würde.
Siehst du dich mehr als Künstler oder als Designer?
Ich bin kein großer Fan davon, mich selbst zu kategorisieren. Diese Einordnungen bleiben doch immer recht vage und beschreibend. Ich sehe mich selbst eher als „Entrepreneur“ oder „Macher“.
Natürlich kann und will ich nicht kontrollieren, was die Leute über meine Arbeit denken. Das ist ein sehr subjektives Thema und die Debatte darüber, ob etwas Design oder Kunst ist, wird meistens von außerhalb geführt. Ich bevorzuge es, konzeptionelle Elemente in meine Arbeit zu integrieren und so meinen Arbeiten mehr Inhalt zu geben. Vielleicht ist das auch mein persönlicher Weg die Langweiligkeit von alltäglichen Design-Objekten zu überwinden. Ist das Kunst? Ich weiß es nicht.
Als mein Vater meine Arbeit zum ersten Mal gesehen hat, fragte er: „Funktioniert es?“. Ich antwortet: „Es ist nicht dazu gemacht, als Schrank zu funktionieren. Es ist mehr eine physische Darstellung meiner Theorie und Forschung.“ Er überlegte eine Weile. Schließlich erwiderte er: „Dann ist es Dekoration, oder?“
Was ist für dich der Schnittpunkt zwischen Kunst auf der einen und Design auf der anderen Seite?
Ich habe mit den unterschiedlichsten Leuten in verschiedenen Ländern gesprochen. Die meisten von ihnen sagen, dass „Engineering Temporality“ Kunst ist und nicht Design.
Ich weiß wirklich nicht, was ein Objekt zu „Kunst“ oder „Design“ macht. Vielleicht könnte man Design als „Kunst mit Funktion“ beschreiben oder als Produkt einer Kunstindustrie. Vielleicht ist zeitgenössisches Design aber auch so komplex, facettenreich und fragmentiert, dass es sich dieser Kategorisierung entzieht.
Wir freuen uns, den Schrank der Serie Engineering Temporality in Kürze in unserem Einrichtungshaus in der Kantstraße 148 in Berlin zeigen zu können. Mehr Infos zu den Werken von Tuomas Markunpoika Tolvanen gibt es auch auf seiner Webseite.